MZ-Radpartie
MZ-Radpartie

Auf der Sechs-​Seen-​Tour

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VON BIRGER ZENTNER
Mehr Idylle und Landschaft geht kaum im Südraum von Halle. Kohle hin oder Kohle her, die alten Tagebaue östlich und westlich von Merseburg haben sich zu bemerkenswerten Landschaften gewandelt. Und so werden die beiden langen Strecken der MZ-<<Radpartie>> zur Seentour. Die ganz lange über 86 Kilometer passiert sechs Seen, zählt man neben Wallendorfer und Raßnitzer sowie Runstedter und Geiseltalsee auch noch Osendorfer und Hufeisensee hinzu. Die etwas kürzere Strecke von 55 Kilometern lässt zwar Runstedter und Geiseltalsee aus, hat aber immer noch mit den Gewässern um Wallendorf und Raßnitz wunderbare Natur zu bieten.
Da lohnt es sich schon am 19. Juni nicht nur auf die Geschwindigkeit zu setzen, sondern die Radtouren zu genießen. Auch wenn man zwischendurch mal ein paar Kilometer "Schwarzbrot" zu bewältigen hat. Zum Beispiel zwischen Wallendorf und Kreypau oder zwischen Leuna und Großkayna, wo es einfach nur unidyllisch auf Landstraßen entlang geht oder auf den Radwegen daneben. Und mit ein wenig Pech bläst einem da auch der Westwind ordentlich ins Gesicht. Aber - versprochen - der Radler wird entschädigt. Allein die Durchfahrt zwischen Wallendorfer und Raßnitzer See ist ein Naturerlebnis. Wolken spiegeln sich in dem glasklaren Wasser, Schwäne ziehen über die Seen, es gibt idyllische Ausblicke. Und so ist auch der Getränkestopp am Wallendorfer See gut gewählt für eine Pause, auch wenn für die Teilnehmer der langen Tour noch mehr als 70 Kilometer zu absolvieren sind.
Zweimal unterwegs muss man allerdings auch mal absteigen und das Rad schieben. Gleich hinter Wallendorf wird der Damm einer ehemaligen Bahnlinie überquert. Da stutzt der Radler erstmal, weil er wie eine Barriere vor ihm liegt.
Den zweiten Abstieg gibt es an einer Eisenbahnbrücke, auf der die Saale bei Leuna überquert wird und wo sich die beiden Touren trennen. Auf der Kürzeren geht es direkt nach Merseburg. Steile Rampen führen zur Brücke hinauf und hinunter. Geübte Fahrer könnten die zwar im Sattel überwinden, aber aus Sicherheitsgründen empfiehlt sich das Schieben. Außerdem gebietet ein Schild das Absteigen. Und Radfahrer halten sich doch an solche Hinweise!
Wer absteigt, bekommt einen ruhig schönen Blick auf die Saale, an der es anschließend gut einen Kilometer entlang geht. Und gleich hinter der Brücke gibt es eine Bank, die mitten im Sonnenschein steht.
Fast schade, dass die Route bereits nach Kurzem vom Fluss abbiegt und nach Leuna hinein schwenkt, die Chemiearbeiterstadt durchquert und zum Industriegelände führt. Dort an der Mauer entlang und zweimal unter den großflächigen Gleisen hindurch sowie an den gewaltigen Tanks der Total-Raffinerie vorbei, ist die Idylle zwar erst einmal entschwunden. Aber man bekommt ein Gefühl dafür, wie riesig das Chemiegelände ist, auf dem 9 000 Menschen in mehr als 120 Firmen auf einer Gesamtfläche von 1 300 Hektar - 1 820 Fußballfelder - arbeiten. Und wo seit 1990 mehr als sechs Milliarden Euro investiert worden sind.
Aber dann ist es auch nur noch ein Katzensprung über die Bundesstraße 91 und die Autobahn 38 hinweg bis zum Runstedter See bei Großkayna. Aufgrund früherer Altlasten ist der 2,3 Quadratkilometer große, 55 Millionen Kubikmeter Wasser fassende See leider kein Badegewässer. Aber er hat eine schöne Uferlinie. Der Radweg schwingt sich gut asphaltiert daran entlang und stimmt auf den Geiseltalsee ein, der nach wenigen Kilometern und der Ortsdurchfahrt durch Frankleben vor einem liegt.
Und genau dort, wo der größte künstliche See Deutschlands erreicht wird, liegt auch ein Badestrand. Falls es das Wetter erlaubt, könnte sich eine Erfrischung lohnen, denn anschließend geht es auf ansteigendem Weg am nordöstlichen Ufer des Sees hinauf. Und je höher man kommt, was bei Gegenwind auch ein wenig anstrengend werden kann, desto atemberaubender wird der Blick über den gewaltigen mehr als 18 Quadratkilometer großen See mit seinen sehenswerten Ufern und den Inseln. Dem Geschwindigkeitsrausch kann man sich später noch hingeben.
Und dort, wo dann die ausgeschilderte Route im rechten Winkel nach Norden den See verlässt, da sollte man noch hundert Meter weiterfahren bis zu einer Bank hoch über dem Wasserspiegel mit schönem Blick. Bei ein wenig Glück lassen sich Raubvögel beobachten, die im Aufwind des Wassers durch die Lüfte gleiten.
Liegt der See dann bereits im Rücken, biegt die Strecke wiederum im rechten Winkel diesmal nach Osten ab. Und was jetzt kommt, ist ein Genuss für Radfahrer. Mit leichtem Gefälle und - wenn er weht - mit dem Westwind als Freund im Rücken, geht es fast schnurgerade und kreuzungsfrei auf einem gut ausgebauten Landwirtschaftsweg zehn Kilometer nach Merseburg, wo die Bremse erst wieder in der Klobikauer Straße gezogen werden muss. Nahezu eine Traumfahrt, auf der man, wenn man will, alles aus sich und den 21 oder mehr Gängen des Zweirades herausholen kann. Zumal nach kurzer Stadtdurchfahrt am Dom die große Pause winkt, Stärkungen und Getränke angeboten werden. Wenn Zeit ist, lohnen sich der Besuch im Dom, der Blick in den Schlossgarten - hier wird es am 19. Juni Führungen geben - und nach kurzer Fahrt hinunter zur Saale und über die Neumarktbrücke auch ein Stopp an der Neumarktkirche, die zur Straße der Romanik gehört. Hat man es bis hierher geschafft, ist der Rest bis zurück nach Halle der mehr oder weniger lockere Ausklang der Tour.